Bedroht die Zukunft unseres verändernden Planeten den Wohlstand der Menschheit?

Befreiung

Die Freiheit
kommt erst
wenn sie frei ist
von ihren
Beschützern

Die schützen sie
nur
vor sich selbst
und nicht
vor sich selbst

//Erich Fried, Freiheit (Gedichte)

Am 05.10.2021 schrieb Timo Steppat in der FAZ in einem Artikel auf der Titelseite „Die Wahl zeigt: Der eigene Wohlstand ist vielen immer noch näher als der Klimaschutz.“ Dabei vertritt er eine Position, die von einer Fokussierung auf materiellen Wohlstand geprägt ist. Den Reichtum, den individuellen Wohlstand spielt er aus gegen einen Schutz des Klimas. Um eine solche Gegenüberstellung zu rechtfertigen, muss er von einer Art Wohlstand ausgehen, die Ressourcen verbraucht. Einer Art Wohlstand, die Input durch Konsum erhält.
Ein Wohlstandsbegriff, der so vieles was den Menschen ausmacht, außer Acht lässt.

Steht denn eigentlich der eigene Wohlstand in Konflikt mit dem Klima?
Was gibt uns das Gefühl von Reichtum, was gibt uns die Sorglosigkeit eines Menschen, der „ausgesorgt“ hat?
Natürlich ist das Materielle nicht gänzlich von der Hand zu weisen, denn der menschliche Körper hat gewisse Grundbedürfnisse, die ein gewisses Maß an materieller Pflege und Nahrung zur Lebensbedingung setzen.


Doch von diesem Standpunkt aus, an dem Menschen grundlegend mit Nahrung und Obdach versorgt sind, wohin geht die Gesellschaft von diesem Punkt aus? Welchen Werten verschreibt sie sich, welche verborgenen Prinzipien und Funktionsweisen sieht sie als notwendig an und welche Rolle spielt der Staat bei der Verteilung und Versorgung mit lebensnotwendigen materiellen Ressourcen – wenn sich der Staat der Einhaltung der Menschenrechtem des einzelnen Individuums verschreibt?

Viele Menschen sehen in der Veränderung oftmals nur die Bedrohung, weil sich Bedeutungen verschieben.
Weil sich Gewohnheiten ändern müssen.
Weil Gewohntes zur Erinnerung wird.
Weil Neues fremd ist.

Doch war das Gewohnte nicht auch eines Tages fremd?

Was hat es also damit auf sich, wenn Wohlstand scheinbar in Bedrohung zu sein scheint, von der Welt, die sich unausweigerlich verändern wird?

Wohl­stand, der

Worttrennung
Wohl | stand

Bedeutung
Maß an Wohlhabenheit, die jemandem wirtschaftliche Sicherheit gibt; hoher Lebensstandard

Quelle: Duden

Das Wort lässt sich in die Bestandteile „Wohl“ und „stand“ zerlegen.
Im Laufe der westlichen Wissenschaftsgeschichte wurde oftmals versucht das Wohl-ergehen eines Menschen messbar zu machen. Was passiert, wenn wir unseren Wohlstand lediglich mit dem Maß der wirtschaftlichen Sicherheit und des materiellen Lebensstandards messen? Wird der Begriff des Wohl-stands, der Begriff, der einen dauerhaft währenden Zustand des Wohlergehens bezeichnen sollte, seinem Versprechen gerecht?
Oder lässt sich der Zustand des Wohlstands, das einsetzt mit vielen Möglichkeiten und einer gewissen Gelassenheit auch anders erreichen als mit extensivem materiellem Ressourcenverbrauch?

Der materiell Reiche ist ein Mensch, der in gewissem Sinne in hohem Maße über Machtmittel (Geld, oder sonstige materielle Ressourcen) verfügen kann.
Sein Gefühl des guten Lebens besteht unter Anderem aus dem Gefühl, dass er Kontrolle ausüben kann mit der Allokation seiner Machtmittel.
Er kann die Welt aus einer marionettenartigen Perspektive betrachten und kann Schicksale lenken und beeinflussen.
Außer der empathischen, lebendigen, austauschenden Art, die Rücksicht auf Bedürfnisse Anderer nimmt, kann er auch einen Modus wählen, in dem er Menschen zwingt. In dem er Menschen mit finanziellem Druck dazu veranlasst, Arbeit zu verrichten die ihnen keinerlei direkten Ertrag oder geistlichen Wachstum versprechen – ihnen aber versprechen, oder zumindest suggerieren bei der materiellen Versorgung der körperlichen Grundbedürfnisse von Nutzen zu sein.

Der materiell Mächtige ist in einer Weise Bestimmer der Welt, aus anderer Sicht - fokussiert er sich ausschließlich auf die Anhäufung von materiellem Wohlstand - aber auch Unterworfener, Opfer seiner eigenen Strukturen.
Untergebener der toten Strukturen, die ihm den rechtlichen Anspruch auf seinen Reichtum weiterhin zu sichern. Im Extrem geht das Ausmaß der toten Strukturen materiellen Reichtums so weit, dass keinerlei Raum mehr für menschliche Begegnungen bleiben.
Doch was macht ein gutes Leben aus, nachdem die Bürden körperlicher Grundbedürfnisse gedeckt sind?
Ist es wünschenswert, einen materiell hohen Lebensstandard kämpferisch aufrechtzuerhalten?
Gar für ein Wachstum der materiell zugänglichen Ressourcen einzutreten?

Kli­ma­schutz, der

Worttrennung
Kli|ma|schutz

Bedeutung
Gesamtheit der Maßnahmen zur Vermeidung unerwünschter Klimaänderungen

Quelle: Duden

Wenn in der gesellschaftlichen Debatte über Klimaschutz gesprochen wird, gibt es momentan nur eine Richtung: Den Ausbau erneuerbarer Energien und das Wachstum einer grünen Wirtschaft voranzutreiben.
Natürlich macht dies zu einem gewissen Grade Sinn – doch wäre es nicht eine bedeutende Maßnahme, das Konzept des Wohlstands das uns in diesen existentiellen Konflikt brachte zu überdenken?
Den Zielkonflikt in uns aufzulösen, anstatt im Außen weiter Zerstörung mit Sicherheit zu verwechseln?

Wie schaffen wir es in Zukunft, die Gelassenheit des Wohlstands in uns zu spüren, auch wenn wir weniger Gegenstände unser Eigen nennen und aus Rücksicht auf ökologische und humane Grenzen uns in wirtschaftlichem Wachstum einschränken?

Wie lassen sich also unsere Beziehungen zu Wohlstand und unsere Verbindung mit der Welt gestalten?

Hier geht es zur Geschichte zum Thema Wohlstand und Klimaschutz.

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