Wer sind wir zurzeit?

Wer sind wir zurzeit?

Zurzeit sind wir eine Spezies, die sich in den verschiedensten Teilen dieser Erde die unterschiedlichsten Geschichten über ihren Ursprung, ihren Werdegang und ihre Zukunft erzählt. Das Bewusstsein über Vergangenes, von dem wir ausgehen, dass es in der Zukunft von Nutzen sein wird, nennen wir Bildung. Aus vielen kleinen Bausteinen aus Wissen setzt sich das Selbstverständnis zusammen, mit dem belesene Menschen der Welt begegnen können. Vieles, was in der Wirklichkeit geschieht, wurde bereits gelesen oder mit fiktiven Charakteren durchlebt. Der Mensch schafft sich so eine Art psychischen Schutzmantel, eine Möglichkeit dem Neuen in der Welt, jeglichen radikalen Veränderungen zuvorzukommen. Zuvorzukommen, um sein eigenes Wesen vorzubereiten auf das, was vielleicht auf unsere Wahrnehmung treffen mag.

Und hierin liegt die Bedeutung von Bildung, von Wissen: Wir können mit Situationen umgehen, denen wir zuvor in Wirklichkeit noch nicht begegnet sind. Doch wie verbreiten wir unser Wissen über die Welt - und leben dann tatsächlich so, wie es uns unser Wissen aufzeigt?

Bei all der Diversität der Kulturgeschichten, die sich über den Globus verteilen hat sich eine Erzählung verbreitet, die überall großes Ansehen genießt: Die Erzählung, dass wir die Wirklichkeit unserer Lebensumgebung abbilden und vorhersagen können: Die Wissenschaft. Die Kraft, die uns diese Errungenschaft schenkt, ist immens. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, nachdem wir uns nach Göttern, nach Sagen und Mythen ausrichteten; sind wir in der Lage unser eigenes Handeln nach objektiven Maßstäben zu beurteilen. In gewisser Weise richtet sich der Himmel jetzt nach uns: Wir scheinen noch Macht über die Welt, in der wir leben, zu besitzen – Gott scheint gestorben. Doch für wie lange noch?

Doch bei der großartigen Menge an Erkenntnissen scheint dem Menschen noch stets etwas zu fehlen. Etwas, das ihn ergreift. Etwas, das ihm mehr bietet als die nüchtern-sachliche Erzählung der Wissenschaft – etwas, das mehr ist als bloße Präsentation von Fakten. Etwas, das spannender, packender, oder vielleicht auch nur komfortabler ist als die bloße Beschreibung von der Beschaffenheit der Welt.

Der Mensch sehnt sich nach Erzählungen, nach Geschichten. Geschichten, die dem Menschen Positionen, Halt in der oder eine Perspektive auf die Welt bieten. Und so findet sich manch einer in der Erzählung des erfolgreichen Unternehmers, so mancher in der Erzählung des netten Nachbarn.

Manche Menschen verlieren sich in den Fängen der eigenen Geschichte, sie geben das Mensch-Sein, das humane auf, um etwas anderes zu werden. Um der Erzählung des erfolgreichen Menschen eher gerecht zu werden. Um dem Traum des Wohlstandes näher zu kommen. Um den eigenen Verhältnissen zu entfliehen in ein Potential, in ein neues, scheinbar vielversprechenderes Morgen.

Doch was steckt hinter leeren Worthülsen wie „Erfolg“ oder „Wohlstand“?
Wie gelingt es uns nun, neben dem Fokus auf materiellen Reichtum etwas zu etablieren, dass aktuellen Problemen gerecht wird?
Welche Geschichten und wie können wir diese Geschichten erzählen, um „Brücken zu bauen“?
Wie müssen Systeme und Selbstverständnisse geändert werden, damit Menschen wieder aufeinander zu gehen und einander helfen können?

Ein Schritt könnte sein, unsere Verbindung mit der natürlichen nicht-menschlichen Welt wieder zu spüren.
Zu spüren, wie die Sonne uns erfreut.
Zu beobachten und nachzuempfinden, wie Tiere miteinander leben.
Der Faszination nachzugehen, die uns beim Anblick von Natur ergreift.

Der Verbundenheit nachzuspüren, um Verantwortung zu fühlen.

Verantwortung für sich selbst und für jedes Leben, das geschützt werden kann – ob Mensch oder Tier.

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